Meinungsseite

Auf dieser Seite können meinungsbildende Beiträge zu Schachturnieren veröffentlicht werden. Als Autoren sind vor allem Mitglieder der Initiative eingeladen, die ihre Meinung zum Turniergeschehen veröffentlichen wollen. Gerne dürfen aber auch Gastbeiträge von Nichtmitgliedern eingereicht werden. Wichtige Regel: Die Meinungsseite dient dazu, sich kritisch oder lobend über Praktiken zu äußern, nicht um Hetze zu verbreiten. Beiträge, in denen Personen namentlich angegriffen werden, werden nicht veröffentlicht.

Inhaltsverzeichnis


Zu einem Zwischenfall der BJEM 2018 Neckar-Fils

Aus der Jugendarbeit ...

Was tun, wenn Kinder gegen Regeln im Sport verstoßen?

Was ist geschehen? Die Fakten ...

Es ereignete sich in der letzten Runde des U12-BJEM-Turniers. Die beiden "dicken" 11-jährigen Freunde Paul und Benjamin (die Namen sind geändert ...) trafen, wie das Schicksal es so will, in der letzten Runde aufeinander. Paul war bereits für die WJEM vorqualifiziert und Benjamin konnte mit einem Punktgewinn noch in den Kreis der möglichen Qualifikanten aufsteigen. Bereits nach vier Zügen gibt Paul in Anwesenheit vieler Eltern und Betreuer mit großer Geste auf.

Die Empörung war entsprechend groß.

Beide Jungs wurden von der Turnierleitung daraufhin angesprochen und befragt, ob das ihre eigene Entscheidung gewesen wäre, oder ob Erwachsene (Trainer, Betreuer etc.) dabei eine Rolle gespielt hatten, was sie verneinten. Daraufhin wurden beide "genullt" und Paul wurde angedroht, seinen Freiplatz bei der WJEM zu verlieren. Der Trainer der Kinder befand sich zur Zeit der Ereignisse - nichtsahnend - in einem anderen Raum des Gebäudes. Er erfuhr von dem Regelverstoß zunächst nur durch Dritte. Da er nach Aussage der Kinder nicht in die Absprache der Kinder involviert war, hielt die Turnierleitung es nicht für erforderlich, ihn zu informieren.

Analyse der Situation

  1. Den beiden Jungs war ihr Fehlverhalten offensichtlich nicht bewusst, denn sonst hätten sie die Sache wohl besser "getarnt".
    Da Paul der erheblich stärkere Spieler ist, hat er aus falschverstandener Freundschaft sogar einen erheblichen DWZ-Verlust in Kauf genommen.
  2. Die Entscheidung der Turnierleitung ist regelgerecht erfolgt und kann an sich nicht beanstandet werden. Hinterfragen könnte man allerdings, ob es nicht sinnvoll (wenn auch vom Reglement nicht verlangt) gewesen wäre, den Betreuer direkt zu informieren.
  3. Da das Ganze in der Öffentlichkeit ablief, stand zu befürchten, dass auch das Ansehen des Vereins in Mitleidenschaft gezogen würde. Dies umso mehr, als 24 der knapp 100 Teilnehmer, also nahezu 25 % von dem Verein kamen, in dem die handelnden Kids Mitglied sind.
  4. Mir als betreuenden Trainer war die ganze Angelegenheit naturgemäß äußerst unangenehm. Völlig unvorbereitet wurde ich gezwungen, in wenigen Minuten weitreichende Entscheidungen zu treffen.

Was also tun? Meine Maßnahmen...

  1. Direkt nachdem mir die Ereignisse bekannt wurden, habe ich die Jungs gesucht und mit Ihnen ein Gespräch geführt, um zunächst einmal die Ausgangslage aus Sicht der Betroffenen zu klären. Ein zweites (sehr kritisches) Gespräch fand dann etwas später, kurz vor der Siegerehrung, statt.
  2. Dem Turnierleiter teilte ich mit, dass ich seine Entscheidungen voll und ganz, also zu 100 % teile.
  3. Da beide Kinder von mir trainiert werden, musste ich abwägen, inwieweit ich mich öffentlich, z. B. bei der Siegerehrung von dem Verhalten distanzieren sollte. Unter "Zeitnot" entschied ich mich dagegen, da ich das Verhältnis zu meinen Schülern nicht mehr als erforderlich belasten wollte.
  4. Mit Benjamins Eltern fand noch vor Ort ein Gespräch statt, mit Pauls Eltern habe ich noch am gleichen Abend telefoniert. Beide Elternpaare waren von den Regelverstößen (und den daraus folgenden) Konsequenzen sehr betroffen. Das hatte intensive Gespräche mit ihren Söhnen zur Folge. Beide Elternpaare sandten daraufhin an den Turnierleiter (Bezirks-Jugendspielleiter) ein Entschuldigungsschreiben, in dem sie auch zu verstehen gaben, dass sie mit seiner Entscheidung und den sich daraus möglicherweise noch ergebenen Konsequenzen (wie z. B. eines Ausschlusses von der WJEM) voll einverstanden wären.
  5. Als spezielle Sanktion durften die Jungs bis heute nur noch einzeln zu meinen Sondertrainings kommen.
    Bei weiteren Gesprächen habe ich dann den Eindruck gewonnen, dass beide Kids inzwischen verstanden hatten, warum ihr Verhalten anderen gegenüber unfair war. So scheint es mir denn auch als höchst unwahrscheinlich, dass sich etwas ähnliches noch einmal wiederholen könnte.
    Dabei darf man nicht vergessen, dass es sich um 11-jährige Jungs handelt...
  6. Nachdem Paul die Entscheidung mitgeteilt wurde, dass er bei der WJEM doch mitmachen dürfte, hat er sich auch noch selbst bei der BJEM-Jugendleitung bedankt.
  7. Wie aber soll man nun mit der Frage des "öffentliche Ansehens unseres Vereins" umgehen? Wie kann man überhaupt Gerüchten entgegenwirken, die möglicherweise auch noch von wenig wohlwollenden, ja missgünstigen Kollegen verbreitet werden? Ich fürchte fast, überhaupt nicht...
    "Die Hunde bellen und die Karawane zieht weiter", sagte ein Trainerkollege in diesem Zusammenhang...
    Aber natürlich gibt es auch viele Menschen, deren Meinung mir sehr wichtig ist. Dazu gehören insbesondere (aber natürlich nicht nur) die Mitglieder der Initiative "Fair zum Erfolg". Entsprechend habe ich auch unmittelbar nach dem Vorfall mit Elmar gesprochen.
  8. In unserem Fair zum Erfolg-Leitbild ist das Prinzip "Fairness" fest verankert. Wenn also Mitglieder eines Fair zum Erfolg-Vereins dagegen verstoßen, dann muss sich der Verein unangenehme Fragen gefallen lassen. Diese können u. U. letztendlich sogar zum Ausschluss führen.
    Was mir allerdings nicht einleuchten will, ist der Umstand, dass ein Verein ein derartiges Ereignis zum Anlass nimmt, um seinen Austritt zu "rechtfertigen". Das Recht (auch ohne Begründung) auszutreten hat natürlich jeder. Aber liegt hier wirklich eine faire Begründung vor?

Nach Rücksprache mit Verantwortlichen der beiden Vereine, die unsere Initiative nun verlassen haben, habe ich erfahren, dass bei ihnen schon länger die Frage "Was bringt uns die Mitgliedschaft in der Fair zum Erfolg?" im Raum stand.

Für mich persönlich habe ich seit langem schon eine positive Antwort gefunden. Sie lässt sich nicht in "Euro und Cent" ausdrücken. Den Fairness-Preis 2017 zu bekommen aber sehr wohl umfasst. M. E. können wir darauf richtig stolz sein und ich finde, wir machen viel zu wenig Werbung damit.

Für andere Schachfreunde ist der Sinn einer Mitgliedschaft offenbar aber weniger klar. Wie sieht das aber nun bei unseren Mitgliedern aus?

Worin seht Ihr den Sinn einer Fair zum Erfolg-Mitgliedschaft? Was würdet Ihr ggf. erwarten? Was seid Ihr bereit einzubringen?

Befriedigende Antworten auf diese Fragen können ggf. auch andere Vereine überzeugen, unserem lockeren Verbund beizutreten.

(von Heiner Uhlig)


Achtung Abwerbung!

Bei der Württembergischen Jugendeinzelmeisterschaft kommt es in der 4. Runde der U10 zu einem Spitzenduell zwischen Peter und Paul. Peter brilliert mit einer genialen taktischen Abwicklung und steht nun an der Spitze. Um die Partie hat sich eine Traube Schaulustiger gebildet. Darunter ist auch Gerhard Mauser, Jugendleiter des Schachclubs Königsmörder Ulm. Gleich nach der Partie lädt er Peter zu einer Analyse ein. Er zeigt sich tief beeindruckt von dessen Spielstärke, bietet ihm gleich das du an und zeigt ihm, wie er hätte noch besser spielen können. Auch nach den weiteren Partien kommt Gerhard Mauser auf Peter zu, analysiert mit ihm und bestärkt Peter immer wieder in seinem Talent. Er könnte richtig weit kommen. Der neunjährige Peter fühlt sich bei solchen Worten natürlich sehr geschmeichelt und findet schnell Vertrauen zu Gerhard Mauser. Aber irgendwann, kurz vor Ende des Turniers, fragt Gerhard Mauser besorgt, ob Peter in seinem Verein auch gut genug gefördert würde. Er fragt ihn ein bisschen aus und ist entsetzt, wie wenig Förderung so ein Riesentalent wie Peter dort erfährt. Die beiden tauschen die Telefonnummern aus. In der Folgezeit ruft Gerhard Mauser mehrmals Peter an und erkundigt sich, wie es ihm ginge. Er lädt ihn zu sich in den Verein ein, wo er eine viel bessere Förderung erhalten könnte als in seinem hiesigen Verein.

Die Namen dieser Personen sind erfunden. Den Trainer Gerhard Mauser gibt es nicht, ebensowenig die Spieler Peter und Paul. Aber Szenen wie diese spielen sich bei Jugendturnieren leider immer wieder ab. Junge Talenten, die ihr Urvertrauen noch nicht verloren haben, glauben den Lockungen von abwerbenden Trainern. Welcher junge Mensch würde sich beklagen, wenn man ihn hofiert? Auch für viele Eltern erscheint es verständlicherweise attraktiv, wenn ihren Kindern eine bessere Förderung versprochen wird. Die Schattenseiten dieser Methode kennen viele nicht:

Noch problematischer sind Vereine, die überhaupt keine Jugendförderung betreiben, sondern Spieler nur durch Abwerbung rekrutieren. Sie warten, bis andere Vereine Jugendspieler aufgebaut haben und locken sie dann in eine hohe Liga. Diese Liga können sie aber nur erreichen, weil sie sämtliche starke Spieler von anderen Vereinen abgeworben haben. Eine parasitäre Strategie, die nur funktionieren kann, solange sie wenige Vereine betreiben.

Vereinswechsel ist nicht Abwerbung

So problematisch Abwerbung auch sein mag, sollte man eines nicht vergessen: Vereine haben keine Besitzrechte auf ihre Jugendspieler. Wenn ein Jugendspieler den Verein wechselt, ist das sein gutes Recht. Vereine mit einer guten Jugendarabeit ziehen oft Spieler aus anderen Vereinen an, die mit ihren Vereinen unzufrieden sind. Deswegen kann man den Vereinen mit guter Jugendarbeit nicht vorwerfen, sie würden abwerben. Wenn einem Trainer die Jugendlichen in großer Zahl den Rücken kehren, sollte er sich eher die Frage stellen, ob er etwas falsch macht. Ein Trainer, der zur Selbstkritik nicht in der Lage ist, macht es sich dann lieber leichter und wirft anderen Vereinen vor, "seine" Spieler abgeworben zu haben.

Umgang

Abwerbung zu verbieten, ist nicht möglich. Niemand kann es einem Trainer verbieten, sich mit Spielern eines anderen Vereins zu unterhalten. Niemand kann ihm verbieten, ihnen ein besseres Training oder einen guten Mannschaftsplatz zu versprechen. Aber wie geht man mit solchen Trainern bzw. deren Vereinen um? Es ist sicherlich sinnvoll, mit ihnen eine offene Diskussion zu führen. Vor öffentlichen Kampagnen gegen abwerbende Vereine ist dagegen dringend abzuraten, da eben nicht jeder Vereinswechsel durch Abwerbung herbei gefürt wird. Darüber hinaus kann so eine Kampagne sehr schnell zu einer absurden Hexenjagd ausarten. Ebenso sollten Trainer sich hüten, ihre Spieler aus Angst vor Abwerbung abzuschirmen und ihnen einen Wechsel zu erschweren. Damit begeben sie sich nur auf die Stufe von Sekten, die ihre Mitglieder die Freiheit verwehren. Allerdings können Trainer die Heranwachsenden ihres Vereins und deren Eltern im Vorfeld auf die Methoden von abwerbenden Vereinen sensibilisieren. Viel wichtiger ist jedoch, dass sie ihr Training und ihr Vereinsleben möglichst attraktiv gestalten. Je mehr Heranwachsende ihren Verein schätzen, desto geringer ist die Gefahr, dass sie abgeworben werden.

(von Elmar Braig)

Die fiktive Person Gerhard Mauser und der zugehörige Schachclub Königsmörder Ulm stammt aus dem Trainereinstiegskurs der "Fair zum Erfolg"-Initiative.zurück